Neurowissenschaftliches

Kreativität

Längst ist wissenschaftlich erforscht, was seit Jahrtausenden körperorientiert durch innere Erfahrung erprobt und kultviert wurde: dass Körper und Geist in sich fortsetzender Wechselbezüglichkeit existieren und sich dynamisch verändern. So sagt auch der Neurowissenschaftler Wolf Singer, dass wir ganz einfach verkümmern, wenn wir geistig inaktiv sind (1).
Geistig? Sogenannt plastische Aktivität der grauen Zellen erschöpft sich keineswegs nur in kognitiver Regsamkeit. Innerlich und auch motorisch bewegt sein, sinnlich, ästhetisch, emotional, gedanklich, oder selbstvergessen frei von motorischer Aktivität, alles das gehört möglichst von Anbeginn zur (emotional-moralischen wie geistigen) Entwicklung, damit sie gut eingefädelt ist. Es darf seit Jahrtausenden (zum Beispiel in der Yogatradition) manches nachgebessert werden.

Wir lernen nie aus! Sich ausdrücken wollen und verbunden sein wollen, im Tiefsten und Höchsten, miteinander bezogen in stimmig erlebten Arten der Nähe und Distanz – das ist kaum lebhaft dynamisch möglich in mechanisierten Mustern, die eher langweilig, beklemmend, abstumpfend und dann auch abstoßend wirken können. Nur durch erweiternde Impulse und Betroffenheit kann das verhindert werden. Wertvoll zu Spürendes wird entdeckt hinter festgefahrenen Haltungen und Gewohnheiten, sobald man sie bemerkt und sich für das Mehr öffnet. Ansonsten entstehen früher oder später (selbst)destruktive Dynamiken.

So betont Singer, rationale Arbeit müsse unbedingt durch träumerische und ästhetisch- spielerisch unterhaltsame Phasen unterbrochen werden, damit sich schöpferische Einfälle ereignen können, z.B. bei Wissenschaftlern (1). Jeder kennt das zumindest irgendwie: Erfahrungsgmäß wird zielgerichtetes Denken unterbrochen und später ist es belebt durch neue Dynamiken. Ein bedeutender Impuls kann so entstehen von irgendwoher. Und man spürt deutlicher, dass es nützlich ist ihn aufzugreifen. Ohne solche Vorgänge würde es kaum „emergente“ gesellschaftliche Prozesse geben und kein noch so kleines Wunder würde man als solches wahrnehmen können.
Man öffnet sich dabei gewusst oder unbewusst einer anderen energetischen Dynamik oder Frequenz. Das kann die intuitive Dimension „des Geistes“ sein, die in spirituellen Traditionen überhaupt erst ihre Kraft entfalten kann jenseits intellektueller Betätigung . Nicht nur kontemplative Kunstbetrachtung und Musik, stille Meditation kann das optimal begünstigen, zumindest bei kontinuierlicher Praxis.

Tenderness

beruhigt als einzige Affektqualität den Herzrhythmus signifikant (2). Die Neurowissenschaftlerin Susanna Bloch hat das in einem Projekt mit Schauspielern erforscht. Zärtlichkeit ist eine unverkennbare Weise in Berührung zu sein, in differenzierter Weise und im besonders abgestimmten Setting eine der herausragenden Qualitäten der biodynamisch psychologischen Methoden. Dadurch kommt der parasympathische Teil des Nervensystems zum Zuge. Gerda Boyesen bezeichnete es als Psychoperistalsis, weil es unverdaute Eindrücke verdauen lässt. Das kann träumerisch geschehen, oder es tauchen Eindrücke und Impulse auf, die man vielleicht bewusster ausdrücken möchte, um ihre Entfaltung zu erlauben. Manchmal möchte man schwer Verdauliches besser durchkauen oder einfach nicht weiter schlucken.
Ähnlich kann das für alle stilleren Arten Körper-Geist-Übungen gelten, auch als langsame und teilweise tänzerische Bewegungen. Es betrifft jegliche Form zu Meditieren.

Meditation

Beim Meditieren stellt sich die Kohärenz der Hirnmuster ein (3), was als reinigend und vor allem beruhigend erlebt wird. Bei kontinuierlicher Praxis beruhigen und erweitern sich Dimensionen der Wahrnehmung und Atemräume. Es entwickelt sich essentielle Selbsterfahrung: Vertiefend zentriert sich Selbstvertrauen auch jenseits eingewohnter Vorstellungen von sich selbst. Es entsteht das schlichte Empfinden von Selbstmächtigkeit ohne Bemächtigungszwang, als eigener Raum und Haltung: Das bin ich – das bist Du. Ich sehe und bin zugleich Objekt meines Sehens. Spirituelle Lehrer betonen das  als Erkenntniswege, im Unterschied zu mehr pragmatischen Erwägungen. Die sind jedoch nicht zu unterschätzen für den alltäglichen Nutzen: So hat Mathieu Ricard, ehemaliger Molekularbiologe und jahrzehntelang meditierender buddhistischer Mönch, als Beteiligter eines Forschungsprojekts nachweisen können (4): Schon nach wenigen Wochen kontinuierlicher Meditationspraxis ist der Umgang mit Affekten und Konflikten deutlich positiv beeinflußt. Erstrecht bei Langzeit-Meditierenden. Mit der Zeit vergrößern sich bei kontinuierlich Meditierenden bestimmte Räume im Gehirn. Es entstehen nachweislich mehr Empathievermögen, Kreativität und Heiterkeit in der Zugewandtheit zur Welt, von den Beteiligten als authentisch erlebt. Das heißt, es bewirkt mehr Sensibilität, verringert und verkürzt dann jedoch die Phasen der Verletztheit, Gekränktheit und Wut, nach entsprechend empfundenen Ereignissen (3).

Die interdiszipinär forschende Neurowissenschaftlerin Tanja Singer  untersuchte in den letzten Jahren diese Zusammenhänge eingehender und macht aufmerksam auf die Unterscheidung von Empathie und Mitgefühl, wie sie von Mathieu Ricard als ihrem „Versuchskaninchen“ längst schon erprobt wurde: Empathie allein brenne aus auf die Dauer, Mitgefühl aber bereite den Mitfühlenden eher Feude als sie auszubrennen (5). Meiner eigenen Erfahrung nach ist es dann der meditativ eingelebte innere Raum, der vor dem Ausbrennen bewahrt, während professionell fortgesetzt verlangte Empathie allein zu distanzloser Identifizierung führen kann und dann energetisch belastet und ausbrennen lässt.

Meditieren, meditative Bewegung sowie tiefere innere Ruhe durch bestimmte Arten der Massage kann die Sicht auf zuvor unvereinbar scheinende Widersprüche und Hürden erstaunlich angenehm verändern. Das ist keine Suggestivwirkung aufgesetzter Glaubenssätze oder Dogmen. Es verändern sich nachweislich Strukturen im Gehirn und wir können aus tiefer beruhigten Frequenzen des Herzens sehen und handeln. Neurowissenschaftlich ist das nicht nur Metapher, sondern menschenmöglich.


  1. Wolf Singer, Der Beobachter im Gehirn, Frankfurt, 2002
  2. Vortrag am Max – Plank-Institut für Hirnforschung in Frankfurt, zu dem ich eingeladen war, 1995
  3. Hirnforschung und Meditation im Dialog, Wolf Singer und Mathieu Ricard, Frankfurt, 2008
  4. Wisconsin – Projekt, Gehirn und Geist, Youtube, ARTE- TV5.
  5. Tanja Singer, Youtube