Energie

Für Körpertherapie und insbesondere die Biodynamische Psychologie  ist die Beachtung von „Energie“ wesentlich. Der energetische Zustand beziehungsweise die Art der energetischen Dynamik ist der innerste rote Faden des Geschehens als „Prozess“. Überdies werden aktuell bedeutende Impulse, Gefühle und weitere Eindrücke sensibel beachtet, aber es hängt vom jeweiligen Setting und den vereinbarten Zielen ab,  wie weitgehend das in der Zusammenarbeit ausdrücklich eingehend entfaltet wird. Insofern „funktioniert“ es im Kern gewissermaßen etwas ähnlich wie in der traditionellen chinesischen Medizin: Spontane Selbstregulierung zu stärken, bestmöglich energetischen Flow zu ermöglichen, innere Lebensqualität zu kultivieren.

Energie ist erfahrbar als Wirkung der inneren Wechselbezüglichkeit unterschiedlicher Dimensionen des Seins, unmittelbar abhängig von der Art zu atmen und sich zu nähren – beziehungsweise in jeglichem Austausch mit der Welt und anderen Wesen, immer abhängig von der Art des Kontakts – mit sich selbst und anderen. D a s s  diese Dimensionen wechselwirken, ist seit Jahrzehnten auch neurowissenschaftlich erwiesen. Auch dass sie bei mangelnder Förderung stagnieren und dann weit eher zu Erkrankungen beitragen.

Energie ist eigentlich ein schillernder Begriff in a l l e n Sparten des Lebens, in Naturwissenschaften,  Erfahrungswissen und Alternativmedizin, in der Geschichte der Psychoanalyse und Körperpsychotherapie. Hochaktuell ist er seit Jahrzehnten bei der Erforschung, Produktion und Vermarktung alternativer Technologien zur Energiegewinnung und der Wunsch nach Macht über Energieressourcen i eine mehr oder weniger verdeckte Ursache für einige Kriege und folgender Verheerung. Zunehmend ereignen sich durch einseitig verantwortungslos ausbeuterischen Umgang mit Energieressourcen ökologische Katastrophen und irreversible Vorgänge mit zerstörerischen Wirkungen. Trotz des halben Jahrhunderts dringlicher Warnungen von Wissenschaftlern vor absehbar Kollaps-Erscheinungen und nicht nur absehbaren schlimmen Schäden zerstören einige Arten des Wirtschaftens und entsprechende Lebensweisen „systembedingt“ unser aller Lebensbedingungen. Längst verändert sich die grundlegende Lebensqualität nicht nachhaltig zum Besseren.

Ein Ausflug ins Altgriechische eröffnet: „energeia“ bedeutet „lebendige Wirksamkeit und Wirklichkeit“ (1), zugleich Verursacher und Verursachtes. „bios“ bezeichnet nicht einfach das Leben, sondern die jeweils besondere Art des Lebens. „dynamis“ bedeutet Vermögen. Insofern ist „Biodynamische Psychologie“ die Psychologie vom Vermögen menschlichen Lebens auch als als Potentialität, so verschiedenartig, wie es in körperlichen, seelischen und geistigen Vorgängen wechselwirkend stagniert oder sich fortsetzt. Jahrtausende alte körperorientierte spirituelle Traditionen und verwandte neuere Körpertherapien zeigen, dass es menschenmöglich ist, diese Vorgänge bis zum letzten Atemzug lebhaft auszukosten – vielleicht zunehmend zu vertiefen. Die Qualität unserer Energie mag  davon abhängen, was wir von Anbeginn mitbekamen, doch vielleicht mehr noch davon, wie wir das kultivieren und nachbessern, selbst bei einer unabwendbaren Erkrankung und bei kleinem Budget – als Lebensqualität von innen – Energiekultur von innen?

Indem Energie erst einmal wahrgenommen wird als Eigenes, kann sich die Wahrnehmung öffnen und der Sinn für den Traumkörper vertiefen, für das „universelle Unbewusste“ alias „Universelles Bewusstsein“ (2),  auch als essentielle Erfahrung. Als „Peakerlebnis“ oder auf subtile Weise wird Energie eher – wie in alten Kulturen – als universelles Kontinuum erlebt, abhängig ist von Auswirkungen menschlicher Einflussnahmen.

Auf dem Weg erweitert sich zwanglos gewöhnliches Konsens-Bewusstsein im sogenannten Mainstream auch jenseits des konzeptuellen Denkens. Es stärkt sich innere Verbundenheit und Selbstvertrauen. Intuition und Kreativität entfalten sich im Gespür für Flow und Sinn. Von elementarer Bedeutung sind dabei die besonderen körperorientierten Vorgehensweisen, das Gespür für Aura, Atmosphäre, morphogenetische Felder.

Zum Energie-Verständnis grundlegender Körperpsychotherapie-Schulen und des Komplementären von Yin und Yang

Die Biodynamische Psychologie umfasst (wie die etwas jüngere Biosynthese) vorwiegend sanftere und subtiler wirkende Vorgehensweisen als die verwandten älteren Schulen.. Diese und einige jüngere Schulen  haben jeweils unterschiedliche Vorgehensweisen hervorgebracht, gehemmte Energie frei zu setzen – im ausgeprägten Erfahrungs-Wissen von hemmenden Körper- und Denkmustern durch Angst, Schreck und zu viel Stress. Sogenannt Primäre oder auch Core-Energie kann dann deutlicher unterschieden werden von negativer Energie, die sich unbemerkt hinter konventionellen Rollenverhalten bergen kann und dennoch zerstörerisch wirkt auf die eine oder andere Weise. Konventionelles Rollenverhalten wurde auch als „Maske“, „Persona“, „Charakterpanzer“ und „Sekundärpersönlichkeit“ bezeichnet. Diese Sichtweise hatte Wilhelm Reich entworfen und erprobt, indem er als Schüler Sigmund Freuds konsequent dessen These aufgegriffen hatte: das Ich sei immer auch körperlich. Er fand durch unmittelbare Körperarbeit im Kontakt mit blockierter Energie Zugang zu vorher unbemerkter Negativität und Lebendigkeit – zu wesentlich empfundener Selbsterfahrung als Kontakt zu sich selbst.

Kompatibel sind Anschauungen und Vorgehensweisen, ausgehend von C.G. Jung’s Arbeit, die  das „Selbst“ umfassender ansehen als das Ich als „Persona“ mit bestimmten Funktionen. das selbst wird – am besten energetisch befreiend und integrativ ausgleichend – erforscht und entdeckt entdeckt durch den zunehmenden Sinn für das Komplementäre von Bewusstem und Unbewusstem. Dem Unbewussten wird viel Raum – Traumzeit – gegeben und spontane Impulse finden mehr Beachtung. Es birgt Unverarbeitetes und verblüffende Ressourcen zur Bereicherung und Entwicklung.

Bei eingehender Erfahrung und Betrachtung ähnelt das den Jahrtausende alten Yoga,  Tao, Zen u.a. buddhistischen -Traditionen, die mehr oder weniger ausdrücklich fokussiert Energie als komplementär bewegte Dynamik vergegenwärtigen, poetisch, philosophisch, nährend und heilend.

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(1) Giorgio Agamben, Homo Hacer, Suhrkamp, 2002

(2) Erich Fromm, Daisetz Taitaro Suzuki, Richard de Martino, Zen-Buddhismus und Psychoanalyse, Suhrkamp 1971