Energie

Für die Biodynamische Psychologie  ist „Energie“ wesentlich in ihrem Umgang mit  energetischer Selbstregulierung. Ähnlich wie in der traditionellen chinesischen Medizin geht es grundlegend darum, im Blick auf „Energie“ den roten Faden zu spüren, an dem der Prozess weitergeht, wie „es“ sich sinnvoll anfühlt. Gewiss finden alle Arten der Impulse von innen sensibel einfühlsam Beachtung – als bedeutungsvolle Informationen: Symptome, Ausdrucksimpulse, Empfindungen, Gefühle, innere Bilder und Gedanken. Allerdings hängt es vom jeweiligen Setting und den vereinbarten Zielen ab,  wie sehr ausdrücklich eingehend  interaktiv und intersubjektiv das in der Zusammenarbeit entfaltet wird.

Energie ist überdies ein schillernder Begriff in allen Sparten des Lebens, in Naturwissenschaften,  Erfahrungswissen und Alternativmedizin. Er hat eine schillernde Tradition in der Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie, die sich nicht in akademischer Psychologie und angrenzenden Fachgebieten erschöpft. Aktuell ist er nicht erst seit neuestem bei der Erforschung alternativer Technologien, bei aufwändigen Klimagipfeltreffen und zur Erfassung von Motiven verheerender Kriege um fossile Energieressourcen und Einflussnahme auf Absatzmärkte. Zunehmend ereignen sich ökologische Katastrophen und Desaster, trotz des halben Jahrhunderts dringlicher Warnungen von Wissenschaftlern vor absehbar irreversiblem Kollaps-Erscheinungen.  An wesentlichen Stellen zerstört  „systembedingter“ Umgang längst unumkehrbar unsere Lebensbedingungen und längst verändert sich die Lebensqualität nicht nachhaltig zum Besseren. (Z. B. freuen wir uns vielleicht über wärmere Winter und verfrühten Frühling. Aber es  werden die Sommer heißer, heftige Dürren verbreiten sich auffallend anderswo, Wassermangel muss auch hierzulande mancherorts schon aufwändig kompensiert werden.)

„Biodynamische Energie“ klingt so unpoetisch wie „lebendige Wirksamkeit und Wirklichkeit“,  die Übersetzung von altgriechisch „energeia“. Dieses eine Wort steht für Verursacher und Verursachtes  dieser spürbaren Dynamik. Altgriechisch „dynamis“ bedeutet Vermögen und „Bios“ bezeichnet die besondere Art des Lebens *.

Insofern ist „Biodynamische Psychologie“ die Psychologie vom Vermögen menschlichen  Lebens in der Anschauung, wie körperliche, seelische und geistige Vorgänge wechselwirken. Dass sie wechselwirken, ist seit Jahrzehnten auch neurowissenschaftlich erwiesen. Diese Vorgänge können stagnieren und erheblich zu Erkrankungen beitragen oder aber bis zum letzten Atemzug lebhaft ausgekostet werden, sogar subtil vertieft. Das wird entsprechend  weniger oder mehr als Energiezirkulation erfahren. Das hängt zwar auch davon ab, was wir von Anbeginn mitbekamen, doch mehr noch davon, wie wir das nachbessern und kultivieren, selbst bei einer unabwendbaren Erkrankung und bei kleinem Budget – als Lebensqualität von innen.

Energie ist erfahrbar als Wirkung der inneren Wechselbezüglichkeit unterschiedlicher Dimensionen des Seins, zunächst schon unmittelbar durch die Art Atem und Ernährung – beziehungsweise in jeglichem Austausch mit der Welt und anderen Wesen, abhängig von der Art des Kontakts – mit sich selbst und anderen.

Indem Energie erst einmal wahrgenommen wird als Eigenes und als universelles Kontinuum, kann sich die Wahrnehmung öffnen als  „Bewusstheit“, als Sinn für „Traumkörper“,  für“Tao“, für „Universelles Unbewusstes“ alias „Universelles Bewusstsein“ **,  und für Essenz. So erweitert sich die Dimension des begrenzten gewöhnlichen Konsens-Bewusstsein. Es bahnt sich innere Verbundenheit und Selbstvertrauen. Intuition und Kreativität entfalten sich im Gespür für Flow und Sinn. Von elementarer Bedeutung sind dabei die besonderen körperorientierten Vorgehensweisen, das Gespür für Aura, Atmosphäre, morphogenetische Felder.

Zum Energie-Verständnis der ersten Körperpsychotherapie-Schulen, Yin und Yang: Die Biodynamische Psychologie umfasst (wie die jüngere Biosynthese) vorwiegend sanftere und subtiler wirkende Vorgehensweisen als die verwandten älteren Schulen für Bioenergetik und Core-Energetik, beide von Schülern Wilhelm Reichs gegründet. Diese und einige jüngere Schulen  haben jeweils unterschiedliche Vorgehensweisen hervorgebracht, gehemmte Energie frei zu setzen – im ausgeprägten Erfahrungs-Wissen von hemmenden Körper- und Denkmustern durch Angst, Schreck und zu viel Stress. Sogenannt Primäre oder auch Core-Energie kann dann deutlicher unterschieden werden von negativer Energie, die sich unbemerkt hinter konventionellen Rollenverhalten bergen kann und dennoch zerstörerisch wirkt auf die eine oder andere Weise. Konventionelles Rollenverhalten wurde auch als „Maske“, „Person“, „Charakterpanzer“ und „Sekundärpersönlichkeit“ bezeichnet. Diese Sichtweise hatte Wilhelm Reich entworfen und erprobt, indem er eigenwillig und effizient die These von Sigmund Freud aufgegriffen hatte: das Ich sei auch körperlich.

Kompatibel sind Anschauungen und Vorgehensweisen, ausgehend von C.G. Jung, die  das Komplementäre dieser Zusammenhänge beachten und das  bildhaft Symbolische  dieser Zusammenhänge betreffen – eigentlich  die enorme Bedeutung des Unbewussten und seiner Erscheinungszeichen für unser Leben, insofern es sehr destruktiv wirken kann oder  wunderbare Ressourcen birgt für die Lust auf mehr innere Verbundenheit daher und dynamische Formen zunehmender Bewusstheit.

Bei eingehender Erfahrung und Betrachtung ähnelt das den Jahrtausende alten Yoga, Yin-Yang, Tao, Zen u.a. buddhistischen -Traditionen, die mehr oder weniger ausdrücklich focussiert Energie als komplementär bewegte Dynamik vergegenwärtigen, poetisch philosophisch und heilend. (Allerdings  in jeweils eigenen ritualisierten Übungen und Ausprägungen im Rahmen hierarchischer Beziehungen und Institutionen, auch Formen der Heilkunde, Kampfkunst und anderer Künste.) In der älteren hinduistischen Yogatradition werden die komplementären Kräfte übrigens nicht als gleichermaßen beweglich zueinander aufgefasst.

Hervorheben möchte ich an dieser Stelle, dass der Bericht des Club of Rome von 2018 zu den Grenzen des Wachstums die Empfehlung ausspricht, ökologisches Bewusstsein nach traditionellen Yin-Yang-Vorstellungen auszurichten. Er ist von (Natur-)Wissenschaftlern verfasst.

* Giorgio Agamben, Homo Hacer, Suhrkamp, 2002

** Erich Fromm, Daisetz Taitaro Suzuki, Richard de Martino, Zen-Buddhismus und Psychoanalyse, Suhrkamp 1971