Biodynamische Psychologie

In den Siebzigern wurde diese Therapierichtung von Gerda Boyesen gegründet als eine der ersten Schulen für Körperpsychotherapie. Sie umfasst historisch erstmals ein lebhaft dynamisches Spektrum achtsamer Umgangsweisen mit subtilen und kraftvollen Wirkungen. Besonders die einzigartig differenzierbaren Arten der Massage-Berührung sind ein Juwel wie die grundlegenden Auffassungen von menschenmöglicher Lebendigkeit und Kreativität. In Resonanz mit inneren Rhythmen – vor allem Atem und Darmperistaltik – sind es alles in allem die besten Arten der Massage, die ich kennen gelernt habe. In stimmig zu empfindender Nuancierung wird durch den Körper die Seele berührt und dabei wirkt „Geist“ spürbar auch ohne Worte.

Grundlegende Auffassungen von Belang für meine Arbeit:

Lebensfreude, Selbstvertrauen und Vertrauen ins Leben entstehen im „unabhängigen Wohlbefinden“, nämlich durch die Qualität, wie Energie im eigenen Körper zirkulieren kann. Dabei geht es um die spürbare Wirkung des Zusammenspiels körperlicher, seelischer und geistiger Vorgänge und die Art des Kontakts zu sich selbst und im Austausch mit anderen Wesen und der Welt. Das ähnelt meiner Erfahrung nach der energetischen Sichtweise der traditionellen chinesischen Medizin und hängt unbedingt zusammen mit dem Vermögen zur unwillkürlichen Regeneration der Selbstregulierung, die hier vor allem als Geschehen in eigenen Körperrhythmen beachtet wird. Durch alle Arten von Stress und eingewöhnte Körper- und Denkmuster können diese erheblich beeinträchtigt sein – so auch das Körper- und Selbstgefühl, da es unmittelbar damit einhergeht.

Stärkende und selbstheilende Vorgänge beleben sich durch individuell stimmige Arten des Kontakts, durch die Arten der Körperorienterung, besser gesagt Körper-Seele-Geist-Orientierung. Nachhaltig transformierend wirkt die Arbeit mit „Schreckreflexmustern“, sobald das ausdrücklich erwünscht ist und eine eigene Ahnung aufkommt von den befreienden Wirkungen. Die sind vielleicht gar nicht besonders spektakulär, sondern erweisen sich als neuartige Blickweisen und Arten zu empfinden.

Aktuell Bedeutsames lässt sich auf träumerische Weise verarbeiten oder auch sehr viel mehr ausdrücklich und bewusst vergegenwärtigen, entfalten und sinnvoll integrieren. So entwickelt sich nach und nach geerdetes Selbstvertrauen und sensible Resilienz.

In der praktischen Arbeit lassen sich Aspekte verwandter Schulen und Traditionen integrieren, auch künstlerische Vorgehensweisen.

Für Lust zum Weiterlesen:
Peristaltikmethoden I Massage – Wirkungen I Massage und Bewegung I Das Andere und die „Primärpersönlichkeit“ I Lebhafte Hintergründe – Freud, Reich, Jung und Diamantkörper I Schmelzen I Geschichte, Wirkungsfelder und Synergien I Zum Burnout in Institutionen

I

Peristaltik-Methoden

Während der Massage-Arbeit ist durch ein besonderes Stethoskop die archaische Stimme aus dem Bauch hörbar, sobald „Stress verdaut“ wird. Das geschieht durch pulsierende Peristaltik-Bewegungen des Darms, wenn dich dein Sensorium in Entspannung versetzt: die parasympathische Abteilung des Nervensystems in Verbindung mit dem erstaunlich großen, verästelten Vagusnerv. Deutlich gluckernd, grollend, knurrend, bröckelnd, quietschend, wild oder leise plätschernd erscheint Feedback aus dem „Bauchgehirn“ in seiner eigenen Sprache. Dieser absolut lebensnotwendige Vorgang zur unwillkürlichen Selbstregulierung und Selbstheilung geschieht im alltäglichen Ablauf üblicherweise in Ruhephasen, natürlich auch in Verbindung mit Träumen, in jeder Art Kontemplation oder „Traumzeit“.

Massage – Wirkungen

Im steten Zusammenwirken körperlicher, seelischer und geistiger Dimensionen wird immer auch die Seele berührt – auch in sprachlich kaum fassbaren Vorgängen. Das geschieht in gemeinsamer Abstimmung, passend zur Situation, zu Absprachen und Anliegen, in lockerer Kleidung, vielleicht teilweise entkleidet. Durch den wohltuenden Körperkontakt wendet sich deine Wahrnehmung nach innen und verfeinert sich. Unwillkürlich kommt die organische Selbstregulierung in Gang als spontane Selbstheilungskraft. Das betrifft den gesamten Stoffwechsel, Entgiftung und Ausscheidung von Ablagerungen, Schlackenstoffen, Stresshormonen. Neben Glückshormonen wird das Bindungshormon ausgeschüttet. So stärkt sich dein Immunsystem als Selbstheilungskraft und spürbar dein „Körperselbst“ – zunächst in der gemeinsamen Bezogenheit. Körpergrenzen werden angenehm deutlich, innere Räume eröffnen sich, Leichtigkeit und Helligkeit, vielleicht wohltuende Unendlichkeit. Es ensteht früher oder später sanftes Strömen plasmatischer Flüssigkeit und es vertieft sich das Empfinden von Dasein und Integrität durch die Vertiefung des Atems, die sich dabei unwillkürlich einstellt. So stellen sich alle inneren Rhythmen vorteilhafter ein, belebend und ausgleichend, ebenso können mit der Zeit Bereiche aus Über- und Unterspannung in unterschiedlichen Gewebeschichten mehr ausgeglichen werden, sobald du sie deutlicher wahrnimmst wie auch die eigene Aura. Eingewöhnte Reflexmuster werden bewusster unterschieden und können sich langsam verändern, wenn das erwünscht ist.

„Ich spüre da was, das jetzt mehr zu mir gehört, das ich noch nicht genau sagen kann.“

Träumerisch wird seelisch noch Unverdautes verdaut. So kann auch lang verdrängtes Schlafbedürfnis aufkommen und wohltuender Schlaf folgen. Äußerst wohltuend löst sich gestauter Stress – z.B. als kleine Flüssigkeitsansammlungen im Gesicht und an anderen Orten und Schichten der Gewebe. Auch aus tiefer sitzenden Reflexmustern „entlädt“ sich gehemmte Energie – auf stille Weise oder durch stärkere Ausdrucksimpulse, die es integrativ aufzugreifen gilt. Beids wirkt erfrischend belebend oder tiefer berührend und bewegend, immer aufschlussreich und inspirierend – manchmal erst nach vorübergehender Verunsicherung:

Falls während der Körperarbeit und Massage leise oder heftig ein Gefühl aufkommt, ein Bildeindruck oder ein besonderer Bewegungsimpuls, wird das im Rahmen der vorangegangenen Absprache über Wünsche und Ziele aufgegriffen und integriert – energetisch und auch thematisch, soweit es nützlich und stimmig scheint in der Situation. Ebenso kann aus der Dynamik eines immer auch körperorientierten Gesprächsverlaufs mehr vertiefende Körperarbeit angebracht sein – auch als Massage-Berührung. Innere Verarbeitungsprozesse kommen auf den Weg und können in der Zusammenarbeit mehr ausdrücklich benannt und auch vertieft werden. So erneuern sich Wechselwirkungen von Körper, Geist und Seele.

Massage, Bewegungslust und das Gegenteil

Immer wohltuend belebt und vertieft Biodynamik-Massage-Berührung deine Körperwahrnehmung und dein Körpergefühl und daher kann auch die Lust auf aktive Körperpraxis entstehen – falls du sie verloren hattest oder noch nicht für dich passend entdeckt hast.

Wenn du zu erschöpft bist oder gesundheitlich sehr eingeschränkt, können einige Arten der Massage und imaginative Übungen die wohltuend belebende Wirkung aktiver Körperpraxis tendenziell ersetzen. Das lässt sich teilweise übernehmen auch zur unabhängigen Anwendung.

Bewusst achtsame Bewegung ist erfahrungsgemäß ungemein wohltuend und verstärkt enorm die Wirkung z. B. von Radeln, Schwimmen, Laufen, Ernährungsumstellung, etc.. Doch ist es sinnvoll, die inneren Widerstände wohlwollend zu beachten und sehr ergiebig z. B. in der Zusammenarbeit eingehender zu wahrzunehmen.

Das Andere und die „Primärpersönlichkeit“ – Eine Hommage

Gerda Boyesen zeigte ihre Vorgehensweisen in ihrer für mich völlig neuartigen Offenheit und Präsenz. IDiese heitere Aufmerksamkeit wirkte auf mich heller und subtiler initialzündend als mein erster Tai-Chi-Lehrer Chai Fu Feng aus Oregon und erfrischender präsent als einige, die mich mit Zenpraxis in Berührung gebracht haben. Den Unterschied sehe ich inzwischen in ihrem beflügelnden s p ü r e n d e n Bereitsein nicht nur für das JETZT oder wie z. B. beim Tai Chi für die komplementären Kräfte des Lebens, eben auch für das Andere. Das, was im alltäglichen Leben immer noch ganz besonders ungewöhnlich ist. Es ist diese Haltung nicht unbedingt dasselbe wie Empathie und Mitgefühl und alles andere als bloß therapeutische Technik. In all diesem wirkte sie brilliant in ihren Vorgehensweisen, einfach und schlüssig.

Für mich war das wertvoll auch im Zusammenhang mit meinem Sinnen und Trachten seit bewegten Schulzeiten: wie denn die Gräuel des Holocaust und der Weltkriege zu verarbeiten wären, ja zu erfassen, wie überhaupt so etwas hatte möglich werden können und wie oder ob das je zu verhindern wäre. In vielen Texten fand ich auf unterschiedliche Art dieses Feld mehr oder weniger deutlich angesprochen: in psycho-theoretischen, entwicklungspsychologischen, philosophischen, religionsphilosophischen, kulturtheoretischen, poetischen, biblischen und anderen heiligen und WeisheitsTexten:

Das Andere als das noch Unbekannte und manchmal vielleicht erst Kommende ist etwas von außen oder anderen kommendes und – spätestens seit der Entdeckung des sogenannten Unbewussten – natürlich auch von innen kommend. Meist ist es überhaupt erst etwas im Entstehen. Dabei wird oftmals das eigene Innere und das Äußere auf fatale Weise verwechselt oder vermengt durch Projektion ungewusster oder ungeliebter eigener Seiten und dann leider nicht aufgeklärt. Das Aufklären oder zumindest die Bereitschaft dazu wirkt dann natürlich weit konstruktiver. Doch solch spürbares Bereitsein entsteht nur jenseits fixierter Ängstlichkeit und Abwehr, jenseits von blindlings fixiertem Misstrauen und Feindseligkeit, ohne fixierendes Werten. Solches Bereitsein ist empfundenes Einräumen von Recht auf Dasein und Eigenheit in seiner je eigenen Würde.

Mit zunehmender Anschauung und Selbsterfahrung erwies sich für mich diese Haltung als tiefes Vertrauen u n d essentielles Gespür für innere Wahrheit, die aus innerem Einklang rührt. Mir erschien es wunderbar, das erfahren zu dürfen und es ist das offenbar „Erfahrungswissen“, das sich nur durch Erfahrung einstellt.

Damals war das Unbekannte aus meinem Inneren meistens mit Unsicherheit, Scheu und Scham verbunden, dann aber zunehmend mit irritierendem Thrill und Lust auf Entdeckung, ohne die es wahrscheinlich keine Erweiterung gäbe, weder Erkennen noch innere Entwicklung und spürbare Integrität.

So zeigt sich vital oder auch still die früh gehemmte „Primärpersönlichkeit“ überraschend „ganz von selbst“, sobald gewohnte schützend- hemmende Reflexmuster und Überformungen nachlassen, also nicht mehr blindlings reflexartig gebraucht werden. Das wird stimmig und schön empfunden, wahrhaftig und „ganz“ oder „heil“, vor allem vertraut. Unverkennbar unterscheidet sich das von „Perfektion“ und kognitiv gesteuerter Selbstoptimierung. Das kann man mehr und mehr entdecken und entschieden stärken, wobei es in gewöhnlichen alltäglichen Zusammenhängen und unter Stress zunächst immer wieder unbemerkt untertaucht und verloren scheint. Indem man in diesem Prozess bleibt, verändert sich auf Dauer nicht nur der Umgang mit einer bestimmten Herausforderung oder den Lebensaufgaben, sondern die Persönlichkeit.

Gerda Boyesen nannte „Primärpersönlichkeit“, was auch als „höheres Selbst“ oder auch „Selbstverwirklichung“ geradezu verklärt und idealisiert worden ist. Denn das Primäre kann nie durch Vorsätze oder auferlegte Dogmen zum Vorschein kommen, sondern wird überhaupt nur zur Erscheinung kommen, sobald die „sekundäre Persönlichkeit“ aus angstvoll eingewöhnten Körper-, Verhaltensmustern und Denkweisen nicht blindlings alles dominiert und vielleicht alles andere für inexistent oder verboten hält und sich zunächst kaum davon abbringen lässt. Das Primäre entdecken und zugleich entfalten wird nicht willentlich kontrolliert gelingen, sondern durch Loslassen, vielleicht am ehesten zunächst im Kontakt vertrauensvoller Zusammenarbeit auf dem Weg.

Grundlegende Voraussetzung ist dabei das sensible und nicht selten heitere Wohlwollen gegenüber den Schreckreflexmustern – spürbarer Respekt vor dem Schutz, den diese sekundären Muster gaben in einer bedrohlichen oder frustrierenden Lage. Diese „sanfte“ Begegnung wurde ein deutliches Unterscheidungsmerkmal zu Wilhelm Reich, dem Pionier der Schulen für Körperpsychotherapie und zu seinen Schülern John Pierrakos und Alexander Lowen. (Ähnlich dem Unterschied vom sanften Stil der Gestalttherapie seitens Laura Perls im Unterschied zum taff konfrontativen Stil von Fritz Perls.)

Meditation kann diesen Prozess erheblich vertiefen. Und ebenso wird psychodynamisch wirkende Körperarbeit die vertraute Bewegungs- und Meditationspraxis positiv verändern.

Hintergründe – Vom Stein zum Diamant – Freud, Reich, Jung

Gerda Boyesen hat Methoden und Sichtweisen von Wilhelm Reich wesentlich verfeinert und ergänzt: „Vom Stein zum Diamant. Das Sexuelle Sigmund Freuds, das Energetische von Wilhelm Reich und das Spirituelle von C.G.Jung…..“

„Vom Stein zum Diamant..“ ist die Metapher für innere Entwicklung durch Phasen vom robust „gepanzerten“ wie empfindungsarmen Menschen zum mehr durchlässigen und mehr in sich geklärten und gerne sich klärenden empfindungsreichen.

Bemerkenswert ist hier aus meiner Sicht, dass „Diamantkörper“ als sublimste Weise des Seins kultiviert wurde in einigen buddhistischen Traditionen in je eigener Weise. Traditionell geht das nur streng ritualisiert, also auf ganz andere Art ganzheitlich körperorientiert als in neueren Körpertherapien, wenn auch durch energetisch wesentlich stärkende innere Klärungsprozesse. Dabei gibt es einige wesentliche Berührungspunkte und Ähnlichkeiten. Zeitgemäß pragmatisch formuliert ist der „Diamantkörper“ eigentlich die sensibelste und zugleich robusteste Weise menschenmöglicher Resilienz, zugleich die friedvollste. Weiter unten mehr dazu.

„Das Sexuelle Freuds, das Energetische Reichs, das Spirituelle Jungs..“ ..

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud begann vor 130 Jahren mit der Erforschung der kindlichen „psychosexuellen Entwicklung“ als Entstehungszeit verdrängter Konflikte, insofern die Probleme seiner PatientInnen offenbar daher rührten. Anfangs durch Hypnose und später assoziativ im Gespräch wurde „aufgedeckt“, erneut gefühlt und von ihm „gedeutet“, was dann meist besser verarbeitet werden konnte.

Anders als Freud sah sein Schüler Wilhelm Reich den Ausgang für innere und zwischenmenschliche Schwierigkeiten scheinbar vereinfacht in körperlich und mental gehemmter Lebensenergie, die er auch als universelle Energie wahrzunehmen gab. Gehemmt oder blockiert sind diese zunächst vor allem unwillkürlich „eingefleischt“ durch Angst und Schreck – schon vorgeburtlich und späterhin weiter überformt. Er entdeckte so körperorientierte Methoden in konsequenter Fortsetzung von Freuds Annahme, das Ich sei immer auch körperlich. Im Unterschied zu Freud ging es um tiefreichende energetische Belebung durch Transformation „muskulärer Panzerung“ auch im Kontext kulturkritisch pazifistischer Sichtweisen.

Carl Gustav Jung, ebenfalls Schüler und einige Jahre streitbarer Kollegen-Freund Freuds bis zur Entzweiung, sah das Unbewusste nicht vorwiegend als Ort verdrängter Erlebnisse und Instinkte, vielmehr als den unerschöpflich größeren Teil des Selbst, auch in Verbindung mit transpersonalen Erfahrungen. Aus dem Unbewussten rühren Eindrücke des Numinosen und Intuition wie die „Transzendente Funktion“ (3), alle kreativen Impulse. Daher treten sogenannte Schattenaspekte ins Bewusstsein oder sie werden blindlings projiziert – mit wenig vorteilhaften Folgen auf Dauer, wenn man sie nicht als eigene Seiten erfasse und verarbeite. Dabei geht es insbesondere um gegenteilige und gegengeschlechtliche Aspekte mit deutlichem Gewinn innerer Integrität. Er betonte das Komplementäre dieser Vorgänge im Zusammenhang mit der Yin-Yang-Tradition und – Lehre Chinas (4). Vor diesem Hintergrund arbeitete er aufschlussreich und integrativ mit inneren Bildern, Träumen und „Symbolen“.

Auf dem Weg „vom Stein zum Diamant“ lebt es sich bei allerhand Widerständen und Rückschlägen mehr und mehr aus der “Primärpersönlichkeit“, energetisch lebendiger und klarer in sich selbst, klarer im Kontakt mit anderen und in Formen der Abgrenzung. Nicht nur sich selbst kann man sensibler wahrnehmen in der eigenen Soheit, auch sensibler mit anderen fühlen – ohne auszubrennen. Je zentrierter, desto besser und um so erfüllter, wenn sich das auch interaktiv so anfühlt. So weiß man sich eher energetisch zu „reinigen“ und zu stärken, negative Eindrücke und Zustände besser zu verarbeiten, letztlich mit einem Gewinn an Energie. Man sieht sich klarer von innen und außen, wahrscheinlich eher desillusionierter , um so mehr imstande zu intuitiven Einfällen und „Visionen“. Folglich fühlt man um so freudvoller und wirkt eher kreativ, lieber in wechselseitigen Resonanzen und wahrscheinlich eher von innen her verantwortungsvoller für das Ganze anstatt ausschließlich oder gar blindlings an egozentrischen Interessen und Bedürfnissen ausgerichtet. Letztere verändern sich auf dem Weg und es verändert sich ihr Stellenwert. Es ist allerdings so lebensnotwendig wie aufregend und vorteilhaft, eigene Bedürfnisse, Interessen und egozentrische Eigenheiten zunächst klarer unterscheiden zu können, sie zunächst wohlwollend ernst genug zu nehmen.

Übrigens leitet sich „Diamant“ ab aus griechisch „adamus“, dem Unzerstörbaren. Er ist das härteste, kostbarste und älteste Mineral mit sehr hoher Lichtbrechung, funkelnd durch Schliff. Als Heilstein steht Diamant für Gerechtigkeit, einen starken Charakter und für die Fähigkeit, dämonische Kräfte abzuwehren (5). In höher entwickelten spirituellen Traditionen werden dämonische Kräfte energetisch transformiert. Als einer der im Höchstmaß Aufsehen erregenden Künstler seiner Zeit verwendete Andy Warhol massenhaft winzige Diamantsplitter für sein Porträt von Josef Beuyss, der seinerzeit gleichfalls heftiges Aufsehen erregte als politisch wacher Künstler und sich in einer Performance schon mal als meditierender Schamane zeigte. Geschliffen als Schmuck und in ein Edelmetall gefasst symbolisiert ein Diamant Schönheit, Solidität, Treue, Kostbarkeit und Status.

„Diamonds are the girls best friends.“ Marilyn Monroe

Schmelzen – auf dem Weg zum Diamant

Einige Massage-Methoden wirken „schmelzend“, nämlich besonders intensiv entspannend. Dabei entstehen Wirkungen im Gehirn und im Nervensystem wie beim Säugling während des Stillens und danach, träumend an der vertrauten Mutterbrust. Der Zustand kann als spirituelle Öffnung erlebt werden, als erweiternde Entgrenzung und Verbundenheit – jenseits und diesseits von Raum und Zeit. Erfahrungsgemäß vermag diese Erfahrung einen Mangel an befriedigendem Sexualleben kompensieren und ebenso intensiviert sich sinnliches und sexuelles Erleben, da sich das Empfinden für Intimität und Innigkeit wesentlich vertieft.

„Schmelzen“ kann auf befreiende Weise körperliches Schmerzempfinden unterbrechen, vielleicht auch nachhaltig auflösen. Es bahnt unweigerlich kontemplative Erfahrung und kann die Lust auf Meditation anregen. Insofern ist es nützlich und lebensnotwendig auch zur Regulierung von seelischem Schmerz und im Umgang mit traumatisierenden Erfahrungen.

Geschichte, Synergien, Wirkungsfelder und Sorge für sich selbst

Bestärkt durch ihre Töchter Ebba und Mona Lisa als erfinderische Kolleginnen und weitere kreative Therapeuten, fand die Biodynamische Psychologie von Gerda Boyesen begeisterten Anklang in der zuversichtlich lustvollen Aufbruchstimmung seit den siebziger Jahren. Sie hat Gründer neuer Schulen inspiriert und war gefragt als sanfteste der damals neuartigen Therapieformen mit nachhaltiger Wirkung – für mich ein bleibendes und einzigartiges Juwel der damals so experimentierfreudigen Kultur der antiautoritären-, Alternativ- , Frauen- und Friedensbewegung im Aufbruch. Längst in London niedergelassen (als gebürtige Norwegerin), wollte Gerda Boyesen damals „sehr gerne mit Nachkriegskindern Deutschlands arbeiten“, und ihre Ausbildung fand weitere Resonanz über Europa hinaus.

Bestens kompatibel sind neuere Erkenntnisse der Säuglings-, Bindungs- und Traumaforschung. (Einige TherapeutInnen haben sich auf die Arbeit mit sogenannten Schrei-Babies spezialisiert.) Grundlegende neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse ermöglichen seit Jahrzehnten den Rückschluss auf die einzigartige Kostbarkeit der Peristaltikmethoden, auch die Psychovagal-Theorie des Psyschiaters Stephen Porges.

Neueren Datums sind die Forschungsergebnisse von Bruno Müller-Oerlinghausen: Als wissenschaftlich forschender Mediziner und Professor für Psychopharmakologie hat er depressive Erkrankungen auch im Zusammenhang mit den Wirkungen sensibler Formen der Massage-Körperarbeit erforscht. Nicht verwunderlich für Biodynamik-TherapeutInnen, dass er feststellte: Sensible Formen der Berührung übertreffen alle anderen Mittel (6), zumal Pharmaka seinen Studien nach oftmals kontraproduktive Wirkungen haben, bisweilen schwerwiegend. Damit fand er in ärztlichen und pharmakologischen Kollegenkreisen leider kaum positive Resonanz, was er auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Biodynamische Psychologie 2020 vorgetragen und diskutiert hat.

Laut einer Dunkelziffer ist mehr als die Hälfte der über 50-Jährigen abhängig von Medikamenten zur Regulierung des Blutdrucks. Sehr viele Menschen leiden an Krankheiten durch entzündliche Vorgänge, an Arthrose und Diabetes. All das hat nicht nur mit unvorteilhaften Ernährungsgewohnheiten zu tun, auch mit chronischen Formen von Stress, der besser zu kompensieren oder sogar vermeidbarer wäre als man zunächst annimmt. Auch lösen sich hartnäckig verankerte Stressmuster, wenn man diesen Weg für sich findet.

Lebensphilosophie, Sichtweisen und Methoden der Biodynamischen Psychologie lassen sich in therapeutischen, pädagogischen, pflegenden, betreuenden und beratenden Zusammenhängen vorteilhaft einbinden, sobald man sich damit gründlich vertraut gemacht hat durch Selbsterfahrung und für sich selbst kultiviert. Das gilt für jeden, der sich davon angezogen fühlt, ob für eine längere Zusammenarbeit im je besonderen Rhythmus, einzelne Stunden oder ein einzelnes Tagesseminar – so meine vielseitige Erfahrung mit KünstlerInnen (auch mit Handicap), mit Dienstleistern und Lehrenden, mit professionellen „BeziehungsarbeiterInnen“, auch PsychoanalytikerInnen, mit Menschen in Führungspositionen unterschiedlicher Liga und Arbeitsfelder, mit Müttern, Kranken, Tod-Kranken, Familienangehörigen von Tod-Kranken, mit Jugendlichen im Erwachsenwerden und mit Kindern.

Anmerkung zum Burnout für „BeziehungsarbeiterInnen“ in Institutionen

Sicherlich lässt sich bei anstrengenden Arbeitsbedingungen und persönlichen Belastungen ein Burnout vermeiden durch individuell sinnvolle Praktiken zur Resilienz, am besten schon präventiv. Doch kann und sollte das die dringend erforderlichen strukturellen Veränderungen in vielen sozialen, Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen keineswegs ersetzen. Viele dieser Institutionen sind durch „Rationalisierung und Qualifizierung“ wie durch herausfordernden gesellschaftlichen Wandel seit Jahrzehnten geprägt von strukturellem Mangel an Ressourcen, zunehmend. Bei manch Widersprüchlichem, das dazu gesagt wird, ist es offenbar politisch so gewollt und in manchen Einrichtungen dient es weiterhin angeblich der Optimierung, die man nur besser umzusetzen habe. Von Beteiligten wird das seit Jahrzehnten im Ablauf des Alltags meist lieber wie eine Art Naturgesetzmäßigkeit gehandhabt, mehr oder weniger bewusst, um sich Ärger und Frustration zu ersparen, oft nur vermeintlich.

Mit der Diagnose Burnout befanden sich jüngst in psychosomatischen Kliniken vorwiegend LehrerInnen, Manager unterer Führungsschichten, Polizisten und auch Geheimdienstler; es gibt zudem an öffentlichen Schulen eine große Dunkelziffer wiederholt langfristiger Krankschreibungen, die zum Teufelskreis und zu größerer Fluktuation beitragen. In diesem Zusammenhang möchte ich ein begrüßenswertes Forschungsprojekt in Kooperation mit Schulen kommentieren, denn es betrifft auch eine eigene mehrjährige intensive Erfahrung als Teil meiner Lebensgeschichte.

Anfang der Nuller Jahre in Freiburg und andernorts schlussfolgerte – in Kooperation mit Lehrerkollegien – der von mir geschätzte Joachim Bauer als molekularmedizinischer Wissenschaftler und ärztlicher Psychotherapeut: durch angeleitetes Achtsamkeitstraining sei qualitative Besserung des Unterrichts zu schaffen und die üblichen Überlastungen im gewöhnlichen Schuleleben dann eher vermeidbar und zu kompensieren (7). Ja, solch ein wünschenswert stärkendes „Energiefeld“ – nämlich über weite Strecke zuverlässig bestmögliche professionelle Unterstützung in kollegial gemeinsamer Entschlossenheit – ist absolut zu begrüßen. Doch wahrscheinlich lässt sich das aus purer Eigeninitiative nur durch außerordentliches Engagement erfolgreich anregen und konsequent durchführen. Aus meiner Erfahrung gliche es einem Wunder, wenn das im Teufelskreis ständig fluktuierender Überlastungen funktionieren würde. Über einige Jahre habe ich das neben manch positiven Ansätzen als sogenannt „ganz normalen Wahnsinn“ einer gewöhnlichen Schule und gewöhnlicher Kitas erfahren, am eigenen Leib. Da geht es zum Besseren sicher nicht allein durch materielle Aufstockungen. Auch Joachim Bauer plädierte für qualitative Veränderung, keinesfalls einfach für den Erhalt des Status quo durch Kompensation in Eigeninitiative mit eigenen Aufwendungen – selbst wenn das subjektiv und situativ betrachtet überaus nützlich sein mag. Aus wissenschaftlicher Sicht hat er empirisch belegt, was menschenmöglich ist und – anstatt absehbare Folgeschäden des strukturellen Mangels auszublenden – für alle Beteiligten eine große und würdevolle Bereicherung sein kann.

Copyright 2022

______________________________________

(1) Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Hrg. L. Bayer, K. Krone-Bayer, Reclam, 2016
(2) Jaques Lacan, Encore, Das Seminar XX, Quadrigaverlag, 1991
(3) C.G. Jung, Gesammelte Werke Bd. 8, Patmos, 2011
(4) Richard Wilhelm, C.G.Jung, Das Geheimnis der goldene Blüte, Diederichs, 2005
(5) Michael Gienger, Die Steinheilkunde, Neue Erde, 2008
(6) Bruno Müller- Oerlinghausen, Gabriele Mariell Kiebgigs, Berührung, Ullstein, 2018
(7) Joachim Bauer, Lob der Schule, Heyne, 2008

Gerda Boesen, Über den Körper die Seele heilen, Kösel, 1987
Mona Lisa Boyesen, Biodynamik des Lebens, Synthesis, 1987
Ausgaben der jährlichen Fachtagungen, Gesellschaft für Biodynamische Psychologie
Antonin Svoboda und Nicolas Dabelstein, „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?“ , Dokumentarfilm 2009 unter Links