Biodynamische Psychologie

Das Spektrum der Vorgehensweisen ermöglicht insbesondere regenerativ träumerisch wortlose Verarbeitung von Stress und eigenen Themen sowie die dynamische Entfaltung ausdrücklicher Verarbeitungsweisen, körperorientiert und verbal.

Wesentlich wirkt die Achtsamkeit für die Dynamik innerer Körperrhythmen. Sie sind zentral für organische Selbstregulierung und spontane Selbstheilungsprozesse: zunächst Atem und „Psychoperistltik“ – Peristaltik des Darms in Verbindung mit dem Vagusnerv.

Ebenso bedeutsam wirkt der behutsam schützende Respekt für gewohnte Reflexmuster, eigentlich „automatisierte“ Arten von Tun und Lassen, von Körper, Fühlen und Denken. Untergründig und auch offen zutage prägen sie die eigene Persönlichkeit und innere Lebensqualität, die Art in der Welt zu sein und in Beziehungen.

Grundlegende Auffassungen von Lebensenergie hatte der Arzt und Therapeut Wilhelm Reich* bereits vor dem Faschismus entdeckt und erforscht – warum und wie sie körperlich-seelisch gehemmt sein kann und wie sie mit welchem Gewinn zu befreien möglich ist, keineswegs nur in sexueller Hinsicht, wie es ihm nachgesagt wurde. Ähnlich begeistert hat dann in den siebziger Jahren Gerda Boyesen mit ihrer „Biodynamischen Psychologie“ dessen Auffassungen und Vorgehensweisen wesentlich erweitert und subtil verfeinert:

Es wird durch den Körper die Seele berührt, ermöglicht durch biodynamisch-psychologische Haltung auf allen Ebenen des Kontakts und insbesondere durch einzigartige Formen und Wege der Massage-Berührung. In sensibler Resonanz mit inneren Rhythmen und vorgefundenen Mustern wirkt „Geist“ spürbar ermöglichend auch ohne Worte.

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Von Belang für meine Arbeit:

Körperliche, seelische und geistige Vorgänge wirken ständig wechselseitig zusammen. Die Art ihres Zusammenspiels bewirkt die Qualität eigener Lebensenergie – wie sie zirkuliert und zirkulieren könnte, auch im Austausch mit anderen und der Welt. Lebensfreude, Selbstvertrauen und Vertrauen ins Leben hängen davon ab

In der praktischen Arbeit integriere ich Aspekte verwandter Schulen und Traditionen, gelegentlich künstlerische Vorgehensweisen. Die Art der Bezogenheit und Interaktion in der Zusammenarbeit wird immer wieder abgestimmt, so dass Unstimmigkeiten bestmöglich kreativ nützlich wirken.

In der Zusammenarbeit können sich Körperrhythmen erholen. Körpergefühl und -Bewusstsein entwickeln sich wie Selbstvertrauen. Das erdet und zentriert. Stress und Reflexmuster können sich lösen beziehungsweise unklare Reflexmuster können behutsam deutlicher wahrgenommen werden als solche. Nicht nur ein längerer tieferer Transformationsprozess, auch sehr kleine Veränderungen können daraus hervorgehen, sobald einem das selbstverantwortlich unbedingt wünschenswert erscheint. So entwickelt sich durch innere Klärung und Stärkung sensible Resilienz.

Für Lust zum Weiterlesen:
Peristaltikmethoden, Selbstregulierung, Resilienz I Massage-Wirkungen und ihr Stellenwert in der Zusammenarbeit I Massage und Bewegung I Das Andere und „Primärpersönlichkeit“ – eine Hommage an Gerdas „Erfahrungswissen“ I Lebhafte Hintergründe – Diamantkörper, Freud, Reich, C.G. Jung I „Schmelzen“ zum Diamant? I Geschichte, Wirkungsfelder, Synergien

Peristaltik-Methoden

Während der Massage-Arbeit ist durch ein besonderes Stethoskop die archaische Stimme aus dem Bauch zu hören, sobald „Stress verdaut wird“. Das geschieht durch pulsierende Peristaltik-Bewegungen des Darms, sobald dich dein Sensorium in Entspannung versetzt: die parasympathische Abteilung des Nervensystems – jener große, verästelte Vagusnerv, für mich der mythische Welten- oder Lebensbaum. Deutlich gluckernd, grollend, knurrend, bröckelnd, quietschend, wild oder leise plätschernd, erscheint Feedback aus dem „Bauchgehirn“ in seiner eigenen Sprache. Dieser absolut lebensnotwendige Vorgang zur unwillkürlichen Selbstregulierung und Selbstheilung geschieht im alltäglichen Ablauf üblicherweise in kleinen und größeren Ruhephasen, in jeder Art Kontemplation oder „Traumzeit“, besonders im Schlaf in Verbindung mit Träumen.

Zur Lebenslust und alltäglichen Lebensbewältigung als Lebenskunst brauchen wir das Vermögen zur Selbstregulierung. Dazu gehört am allerbesten ein flexibel kraftvoll durchlässig pulsierender Tonus aller Gewebeschichten im wechselnden Erleben von Stress und Entspannung. Dies kann erheblich reduziert oder einseitig beeinträchtigt sein – natürlich von innen durch mangelnde oder zu einseitige Bewegung und vor allem lange gewöhnte Reflexmuster – in der Folge Ablagerungen und reduzierte Durchlässigkeit. Ebenso wird es nicht begünstigt durch Zeitgeist-gemäße Umgebungen, die (seit Jahrzehnten zunehmend) einseitig oder überwiegend geprägt sind von Maximierung und Effizienz von Leistung und Zeit-Einparung als „Wert“ an sich. Allgemein üblich wird das allgemein kultiviert-kompensiert durch alltäglichen (süchtigen?) Verzehr sogenannter Genussmittel und Drogen, die auf Dauer im Teufelskreis die Selbstregulierung stören und mindern: Gesundheit, geistiges Wohlbefinden, Empfindungsvermögen. Das wirkt sich aus auf die Art der Beziehungen, nicht selten auf Sexualität, Intimität bzw. Integrität und Identität.

Ebenso „Zeitgeist-gemäß“ scheint mir aus meiner vielseitigen Anschauung pragmatisch und im allerbesten Sinn lustvoll, mehr sensible Formen der energetischen Selbstregulierung zu entdecken, lebhaft subtil Empfindungsreichtum, Wahrnehmungsvermögen und somit sensible Resilienz zu kultivieren.

Massage – Wirkungen

Da körperliche, geistige und seelische Dimensionen sich beeinflussen und zusammenwirken, sind hier immer alle Dimensionen berührt. Massage-Berührung geschieht in gemeinsamer Abstimmung passend zur Situation, in lockerer Kleidung oder teilweise entkleidet. Durch wohltuenden Körperkontakt und vielleicht hilfreiche Hinweise wendet sich deine Wahrnehmung nach innen und verfeinert sich. So kommt mehr oder weniger bald deine unwillkürliche organische Selbstregulierung in Gang – durch indirekte Aktivierung des Vagusnerv als spontane Selbstheilungskraft. Das betrifft durch die Vertiefung des Atems den gesamten Stoffwechsel, Entgiftung und Ausscheidung von Ablagerungen, Schlackenstoffen, Stresshormonen. Neben Glückshormonen wird das Bindungshormon ausgeschüttet. So stärkt sich dein Immunsystem und unmittelbar spürbar dein „Körperselbst“ – zunächst in gemeinsamer Bezogenheit.

Früher oder später werden Körpergrenzen angenehm deutlich, innere Räume eröffnen sich, Leichtigkeit und Helligkeit, vielleicht wohltuende Unendlichkeit. Du empfindest früher oder später sanftes Strömen plasmatischer Flüssigkeit und es vertieft sich das Empfinden von Dasein und Integrität durch Vertiefung des Atems, die sich unwillkürlich einstellt. In Wechselwirkungen stellen sich alle inneren Rhythmen vorteilhafter ein, belebend und ausgleichend, ebenso können mit der Zeit Bereiche aus Über- und Unterspannung in unterschiedlichen Gewebeschichten mehr ausgeglichen werden, sobald du sie deutlicher wahrnimmst wie auch die eigene Aura. Eingewöhnte Reflexmuster werden dabei deutlicher gespürt und können sich langsam verändern, wenn das erwünscht ist.

„Ich spüre da was, das jetzt mehr zu mir gehört, das ich noch nicht genau sagen kann.“

Träumerisch wird seelisch noch Unverdautes verdaut. So kann auch lang verdrängtes Schlafbedürfnis aufkommen und wohltuender Schlaf folgen. Äußerst wohltuend löst sich gestauter Stress – z.B. als kleine Flüssigkeitsansammlungen im Gesicht und an anderen Orten und Schichten der Gewebe. Auch aus tiefer sitzenden Reflexmustern „entlädt“ sich gehemmte Energie – auf stille Weise oder durch stärkere Ausdrucksimpulse, die es integrativ aufzugreifen gilt. Beides wirkt entweder erfrischend belebend oder tiefer berührend und bewegend, aufschlussreich und inspirierend – manchmal erst nach vorübergehender Verunsicherung:

Falls während der Körperarbeit und Massage ein Gefühl aufkommt, ein Bildeindruck oder ein besonderer Bewegungsimpuls, wird das im Rahmen der vorangegangenen Absprache über Wünsche und Ziele aufgegriffen und integriert – energetisch und auch thematisch, soweit es nützlich und stimmig scheint in der Situation. Ebenso kann aus der Dynamik eines immer auch körperorientierten Gesprächsverlaufs mehr vertiefende Körperarbeit angebracht sein – auch als Massage-Berührung. Innere Verarbeitungsprozesse kommen auf den Weg und können in der Zusammenarbeit mehr ausdrücklich benannt und auch vertieft werden. So erneuern sich Wechselwirkungen von Körper, Geist und Seele.

Massage, Bewegungslust und das Gegenteil

Biodynamik-Massage-Berührung belebt und vertieft wohltuend deine Körperwahrnehmung und dein Körpergefühl und daher kann auch die Lust auf aktive Körperpraxis entstehen – falls du sie verloren hattest oder noch nicht für dich passend entdeckt hast.

Wenn du zu erschöpft bist oder gesundheitlich sehr eingeschränkt, können einige Arten der Massage und imaginative Übungen die wohltuend belebende Wirkung aktiver Körperpraxis tendenziell ersetzen. Das lässt sich teilweise übernehmen auch zur unabhängigen Anwendung.

Bewusst achtsame Bewegung ist erfahrungsgemäß ungemein wohltuend und verstärkt enorm die Wirkung z. B. von Radeln, Schwimmen, Laufen, Hantel-Training, Ernährungsumstellung, etc.. Doch ist es sinnvoll, die inneren Widerstände wohlwollend zu beachten und es kann sehr ergiebig werden, sie z. B. in der Zusammenarbeit eingehender zu thematisieren.

Gerda Boyesen vermittelte ihre Vorgehensweisen in ihrer für mich völlig neuartigen Offenheit und Präsenz. Diese meist heitere Aufmerksamkeit wirkte auf mich heller und subtiler initialzündend als mein erster Tai-Chi-Lehrer Chai Fu Feng aus Oregon und erfrischender präsent als einige, die mich mit Zenpraxis in Berührung gebracht haben. Den Unterschied sehe ich inzwischen in ihrem beflügelnden s p ü r e n d e n Bereitsein im JETZT und für die Dynamik komplementärer Kräfte des Lebens (wie es beim Tai Chi sehr deutlich wird und wie man auch andere Bewegungsarten wahrnehmen kann). Ich nenne es unterdessen Bereitsein für das Andere. Das, was im alltäglichen Leben immer noch ganz besonders ungewöhnlich ist als offener Resonanzraum. Es ist diese Haltung nicht unbedingt dasselbe wie Empathie und Mitgefühl und alles andere als bloß therapeutische Technik. Sie wirkt unmittelbar einfach und schlüssig.

Das Andere und die „Primärpersönlichkeit“ – Gerdas Erfahrungswissen

Für mich war das wertvoll im Zusammenhang mit meinem Sinnen und Trachten seit bewegten Schulzeiten: wie denn die Gräuel des Holocaust und der Weltkriege zu verarbeiten wären, ja zu erfassen, wie überhaupt so etwas hatte möglich werden können und wie das je zu verhindern wäre. In vielen Texten fand ich auf unterschiedliche Arten dieses Feld mehr oder weniger deutlich berührt oder angesprochen, psycho-theoretisch, entwicklungspsychologisch, philosophisch und religionsphilosophischen, kulturtheoretisch, poetisch, in biblischen und anderen religiösen und Weisheits-Texten:

Das Andere als das noch Unbekannte und vielleicht erst Kommende erscheint als etwas von außen oder anderen kommendes und es ist – spätestens seit der wissenschaftlichen Entdeckung des sogenannten Unbewussten vor etwas mehr als 100 Jahren – natürlich auch von innen kommend. Es ist das ganz Fremde, vielleicht das Unheimliche, möglicherweise unerklärlich faszinierend und oder verwirrend. Etwas, das sich dann bei näherem Hinsehen bisweilen als überraschend banal, irgendwie bekannt oder eben neuartig erweisen mag. Vielleicht entdeckt man darin etwas eigenartig Vertrautes, vielleicht bleibt es numinos und kann vertrauter werden.

Im Blick auf das Andere – in der eigenen Abwehr oder Fasziniertheit – wird oftmals das eigene Innere und das Äußere verwechselt oder vermengt durch unbemerkte Projektion eigener Impulse, die man nicht auslebt und so nicht selbst verantworten muss. Die Folgen können früher oder später für alle Beteiligten verwirrend oder nur unangenehm werden, fortgesetzt hemmen oder destruktiv wirken.

Konstruktiver wirkt das Vermögen als Bereitschaft, solche Vorgänge einzuräumen und deutlicher wahrzunehmen. Es entsteht wohl nur durch eigene Erfahrung, indem es einem widerfuhr, unterhalb oder jenseits fixierter Ängstlichkeit, Abwehr oder Feindseligkeit aus fixiertem Misstrauen. Es entwickelt sich durch zunehmende Achtsamkeit und Besinnung im erlebten und gefühlten Recht auf Dasein und Eigenheit in seiner je eigenen Würde, für mich wie auch für dich.

Mit zunehmender Anschauung und Selbsterfahrung erwies sich für mich diese Haltung als tiefes Vertrauen wie essentielles Gespür für innere Wahrheit, die aus innerem Einklang rührt. Mir erscheint es wunderbar, das zu erfahren und es ist das offenbar „Erfahrungswissen“, das sich natürlich erst durch Erfahrung einstellt. Es lässt sich vertiefen und kultivieren, nicht nur, aber auch durch symbolisierende Besinnung

Damals war vor allem das Unbekannte und Andere aus meinem Inneren mit Unsicherheit, Scheu und Scham verbunden, dann zunehmend mit irritierendem Thrill und Lust auf Entdeckung. Ohne die gäbe es wahrscheinlich keine Erweiterung, weder Erkennen noch innere Entwicklung und spürbare Integrität.

In solcherart Resonanzraum aus Bereitschaft zeigt sich früher oder später die früh durch Reflexmuster gehemmte „Primärpersönlichkeit“ überraschend „ganz von selbst“, als vitaler oder auch stiller Ausdruck, sobald Scheu und Furcht nachlassen, muskuläre Anspannung als schützende Habacht-Haltung. Das wird dann stimmig und schön empfunden, wahrhaftig und „ganz“ oder „heil“, vor allem vertraut. Unverkennbar unterscheidet sich das von „Perfektion“ und kognitiv gesteuerter Selbstoptimierung. Man kann das mehr und mehr entdecken und entschieden stärken, wobei es in gewöhnlichen alltäglichen Zusammenhängen und unter Stress zunächst immer wieder unbemerkt untertaucht und verloren scheinen mag. Indem man sich immer wieder in diesen tieferen Kontakt zu sich selbst einfindet, verändert sich auf Dauer nicht nur der Umgang mit bestimmten Herausforderungen und Lebensaufgaben, auch die Art der persönlichen Kraft (wie es z.B. Charlos Casanede genannt hat).

„Primärpersönlichkeit“

Gerda Boyesen nannte „Primärpersönlichkeit“, was auch als „höheres Selbst“ oder auch „Selbstverwirklichung“ geradezu verklärt und idealisiert worden ist. Allerdings kann „das Primäre“ weder durch Verklärung, noch durch Vorsätze oder auferlegte Dogmen oder kontrollierende Ansagen zum Vorschein kommen. Es wird überhaupt nur zur Erscheinung kommen und sich mehr manifestieren können, sobald die „sekundäre Persönlichkeit“ aus angstvoll eingewöhnten Körper-, Verhaltensmustern und Denkweisen wie auch Rollenverhalten nicht blindlings automatisiert alles dominiert und womöglich alles andere für inexistent hält, für wertlos oder verboten, vielleicht für „unsachlich“, für „verrückt“, etc.. Falls das so sein sollte, lässt ein Mensch sich wohl kaum davon abbringen ohne Ahnung und Verlangen danach oder ohne große innere Not. Denn dadurch fühlt er sich zunächst am besten geschützt und lebensfähig, vielleicht kompetent und mächtig. Vielleicht fühlt er sich sogar am liebsten wenigstens ein bisschen kompetenter als andere oder „besser“.

Das Primäre zeigt sich eher durch „Loslassen“, niemals willentlich kontrolliert. Vielleicht geschieht das zufällig in einer unvorhersehbaren Situation, vielleicht zunächst im Kontakt vertrauensvoller Zusammenarbeit in diesem Sinn. Grundlegende Voraussetzung ist jene Bereitschaft als sensibles Wohlwollen mit dem hemmenden oder auch störenden Reflexmuster. Vielleicht wird man dem mehr oder weniger nachgehen wollen, welchen Zweck, Sinn und Wert es hatte. Man mag sich dann tiefgreifender verdeutlichen können, inwiefern es überlebt scheint und was weit vorteilhafter wäre.

Nicht zu unterschätzen ist aus meiner Erfahrung der anerkennende Respekt vor dem Schutz, den „sekundären Muster“ gaben in der einstmals bedrohlichen oder einseitig frustrierenden Lage, als man noch keine Kompetenzen entwickelt hatte und leider kein Feld vorfand oder schaffen konnte um schützende Grenzen bzw. eigene Interessen fair zu verhandeln in Augenhöhe. Das muss ein Mensch erst nach und nach lernen, das ist keinem schon in die Wiege gegeben. Ich sehe darin einen wesentlichen Aspekt vorteilhafter Entwicklung und Integrität beziehungsweise von nachbessernder Selbstheilung.

Solche mehr „sanfte“ Begegnung unterscheidet sich von mehr puschenden Vorgehensweisen Wilhelm Reich’s, dem Freud-Schüler und Pionier der Schulen für Körperpsychotherapie und dessen Schülern Alexander Lowen und John Pierrakos (den ich schockierend autoritär erlebt habe, ähnlich, wie ich mir Gurdieff vorstelle). Es ähnelt wahrscheinlich dem Unterschied vom taff konfrontativen und dem weit sanfteren Gestalt-Arbeit-Stil von Fritz Perls und Laura Perls.

Hintergründe – Vom Stein zum Diamant – Freud, Reich, Jung

Die Erweiterung der Methoden und Sichtweisen Wilhelm Reichs durch Gerda Boyesen kamen für mich zum Ausdruck in ihrer wiederholten Formulierung:

„Vom Stein zum Diamant…. Das Sexuelle Sigmund Freuds, das Energetische von Wilhelm Reich und das Spirituelle von C.G.Jung.“

Das hat sie selbst nicht zusammenhängend schlüssig ausformuliert, wie es mir hier – zumindest rudimentär – sinnvoll scheint:

„Vom Stein zum Diamant..“ ist ihre Metapher für innere Entwicklung durch Phasen vom robust „gepanzerten“ wie empfindungsarmen Menschen zum mehr durchlässigen und mehr in sich geklärten und gerne sich klärenden empfindungsreichen. Seit der Nachkkriegsgeneration sind viele Menschen eher „wenig gepanzert“ und eher unsicher in ihrem Identitätsgefühl oder spürbar „innerlich zerrissen“.

Bemerkenswert finde ich, dass „Diamantkörper“ als höchst sublime Weise des Seins kultiviert wurde – in einigen buddhistischen Traditionen in je eigener Weise. Traditionell geht das streng ritualisiert, meistens exklusiv in Meister-Schüler-Beziehungen und auf ganz andere Art ganzheitlich körperorientiert als in neueren Körpertherapien, wenn auch durch energetisch wesentlich stärkende und verfeinernde innere „Reinigung“ alias Klärungsprozesse. Das geht also keineswegs ohne gründliche Selbsterforschung. Scherlich gibt es da wesentliche Berührungspunkte und Ähnlichkeiten. Zeitgemäß pragmatisch formuliert bedeutet „Diamantkörper“ eigentlich die sensibelste und zugleich robusteste Weise menschenmöglicher Resilienz, zugleich die friedvollste.

„Das Sexuelle Freuds, das Energetische Reichs, das Spirituelle Jungs..“ ..

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud forcierte vor mehr als einem Jahrhundert die wissenschaftliche klinische Erforschung des sogenannten Unbewussten und der kindlichen psychosexuellen Entwicklung als Entstehungszeit verdrängter Wünsche, Ängste und Konflikte, insofern die Probleme seiner PatientInnen offenbar daher rührten. Angst und Schuldgefühle wirken dabei grundlegend (1). Das wurde „aufgedeckt“, erneut gefühlt und vor allem von ihm „gedeutet“, so dass die leidvollen Schwierigkeiten dann mehr oder weniger besser verarbeitet werden konnten.

Anders als Freud, aber in konsequenter Fortsetzung von Freuds Annahme, das Ich sei immer auch körperlich, sah sein Schüler Wilhelm Reich den Ausgang für innere und zwischenmenschliche Schwierigkeiten scheinbar vereinfacht in körperlich und mental gehemmter Lebensenergie, die er im Zusammenhang mit universeller Energie wahrzunehmen gab. Energie zunächst vor allem unwillkürlich blockiert durch Angst und Schreck, gewissermaßen „eingefleischt“ als Reflexmuster, vor allem muskulär – schon vorgeburtlich und späterhin weiter überformt. Er entwickelte körperorientierte Methoden lebhafter Zusammenarbeit. Im Unterschied zu Freud ging es unmittelbar um tief reichende energetische Belebung und Transformation „innerer Panzerung“ als spürbare Befreiung, auch als Bedingung für Mündigkeit.

Carl Gustav Jung, ebenfalls Schüler Freuds und jahrelang dessen streitbarer Kollegen-Freund bis zur Entzweiung, sah das Unbewusste nicht vorwiegend als Ort verdrängter Erlebnisse und Instinkte, vielmehr als den unerschöpflich größeren Teil des Selbst, auch in Verbindung mit transpersonalen Erfahrungen. Aus dem Unbewussten rühren Eindrücke des Numinosen und Intuition wie die „Transzendente Funktion“ (2), alle kreativen Impulse. Daher treten sogenannte Schattenaspekte ins Bewusstsein oder sie werden blindlings projiziert – mit wenig vorteilhaften Folgen auf Dauer, wenn man sie nicht als eigenes erfasst und verarbeitet. Dabei geht es geradezu gesetzmäßig um gegenteilige und insbesondere um gegengeschlechtliche Aspekte, schließlich mit deutlichem Gewinn innerer Integrität. Das Komplementäre dieser Vorgänge betonte er auch im Zusammenhang mit der Yin-Yang-Tradition und – Lehre (4). Vor diesem Hintergrund entdeckte er die Arbeit mit inneren Bildern und traumartigen Szenen bzw. mit „Symbolen“.

„Diamant“ leitet sich ab aus griechisch „adamus“, dem Unzerstörbaren. Er ist das härteste, kostbarste und älteste Mineral, funkelnd durch Schliff in allen Regenbogenfarben, mit höchster Lichtbrechung. Als Heilstein steht Diamant für Gerechtigkeit, starken Charakter und die Fähigkeit, dämonische Kräfte abzuwehren (4). In höher entwickelten spirituellen Traditionen werden dämonische Kräfte energetisch transformiert bzw. transzendiert. Und als einer der im Höchstmaß Aufsehen erregenden Künstler seiner Zeit verwendete Andy Warhol massenhaft winzige Diamantsplitter für sein Porträt „Josef Beuys“, der seinerzeit gleichfalls heftiges Aufsehen erregte als Künstler und sich zum Beispiel in einer spektakulären mehrtägigen Performance als meditierender Schamane inszuenierte. Geschliffen in Edelmetall gefasst symbolisiert ein Diamant als Körperschmuck Schönheit, Solidität, Treue, höchste Kostbarkeit und ausgeprägten Status. Der Marktwert ist hoch. Die Arbeitsbedingungen beim Abbau und in Schleifereien sind allerdings erbärmlich, wenn nicht bemerkenswert unwürdig.

„Diamonds are the girls best friends.“ Marilyn Monroe

Schmelzen – auf dem Weg zum Diamant

Einige Massage-Methoden wirken „schmelzend“, eigenartig intensiv entspannend. Es entstehen Wirkungen in Gehirn und Nervensystem wie beim Säugling während des Stillens, d.h. beim Saugen und danach träumend an der vertrauten Mutterbrust. ener Vorgang, bei dem nicht nur Nahrung aufgenommen und auch schon verdaut wird, sondern auch innere Eindrücke verdaut werden.

Insofern der Zustand zugleich als erweiternde Entgrenzung und Verbundenheit erlebt wird, kann das spontan oder mit der Zeit als spirituelle Öffnung erfahren werden, Öffnung ins Jenseits von Raum und Zeit. Erfahrungsgemäß vermag diese Erfahrung einen Mangel an befriedigendem Sexualleben kompensieren. Ebenso intensiviert sich so sinnliche und sexuelle Empfindungsvermögen, da sich das Empfinden für Intimität und Innigkeit wesentlich vertieft.

„Schmelzen“ kann auf befreiende Weise körperliches Schmerzempfinden unterbrechen, vielleicht auch nachhaltig auflösen. Es bahnt unweigerlich kontemplative Erfahrung und kann eine Neigung zum Meditateren anregen. Insofern ist es nützlich und lebensnotwendig auch zur Regulierung von seelischem Schmerz und im Umgang mit traumatisierenden Erfahrungen.

Geschichte, Synergien, Wirkungsfelder und Sorge für sich selbst

Bestärkt durch ihre Töchter Ebba und Mona Lisa als erfinderische Kolleginnen und weitere kreative Therapeuten, fand die Biodynamische Psychologie von Gerda Boyesen begeisterten Anklang in der zuversichtlich lustvollen Aufbruchstimmung seit den siebziger Jahren. Sie hat Gründer neuer Schulen inspiriert und war gefragt als sanfteste der damals neuartigen Therapieformen mit nachhaltiger Wirkung. Für mich ist sie ein bleibendes und einzigartiges Juwel der damals vielseitig experimentierfreudigen Kultur der antiautoritären-, Alternativ- , Frauen- und Friedensbewegung im Aufbruch. Sie ist für mich die „weiblichste“ der Therapieformen , auch in dem Sinn, wie es Ende der neunziger noch hoffnungsvoll von der Psychoanalytikerin Margarethe Mitscherlich visioniert wurde: die ganze gemeinsame Zukunft werde weiblich, also nicht die Frauen den patriarchalisch tickenden Männern ähnlicher. Als gebürtige Norwegerin längst in London niedergelassen, wollte Gerda Boyesen damals „sehr gerne mit Nachkriegskindern Deutschlands arbeiten“. Ihre Ausbildung fand weitere Resonanz bis über Europa hinaus auch in der Gegenwart.

Bestens kompatibel sind neuere Erkenntnisse der Säuglings-, Bindungs- und Traumaforschung. (Einige TherapeutInnen haben sich auf die Arbeit mit sogenannten Schrei-Babies spezialisiert.)

Grundlegende neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse ermöglichen seit Jahrzehnten den Rückschluss auf die einzigartige Kostbarkeit der Peristaltikmethoden, insbesondere die Psychovagal-Theorie des Psyschiaters Stephen Porges.

Neueren Datums sind die Forschungsergebnisse von Bruno Müller-Oerlinghausen: Als wissenschaftlich forschender Mediziner und Professor für Psychopharmakologie hat er depressive Erkrankungen auch im Zusammenhang mit den Wirkungen sensibler Formen der Massage-Körperarbeit erforscht. Nicht verwunderlich für Biodynamik-TherapeutInnen, dass er feststellte: Sensible Formen der Berührung übertreffen in ihrer vorteilhaften Wirkung insgesamt alle anderen Mittel (5), zumal Pharmaka seinen Studien nach selten ohne Nebenwirkungen vertragen werden und oftmals kontraproduktiv wirken, bisweilen schwerwiegend suizidal. Damit fand er allerdings bei ärztlichen und pharmakologischen Kollegen leider selten die wünschenswerte positive Resonanz, wie er auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Biodynamische Psychologie 2020 nach seinem Vortrag im eingehenden Gespräch anmerkte. Das mag

Laut einer Dunkelziffer ist mehr als die Hälfte der über 50-Jährigen abhängig von Medikamenten zur Regulierung des Blutdrucks, ein zentraler innerer Rhythmus, der wie der Atem unmittelbar zu tun hat mit dem Gefühlsleben. Immer mehr Menschen leiden an Krankheiten durch entzündliche Vorgänge und auch sie wissen wenig über mögliche Ursachen ihrer Erkrankung und „Auswege“ und behelfen sich mit Medikamenten, die mesitens nur die Symptome linder. Aus der Sicht derartig betroffener Menschen, die erfolgreiche Erfahrungen machten mit Genesung, hat das nicht nur durchgängig mit Ernährungs-, Genuss- und Bewegungsgewohnheiten zu tun, ebenso mit chronischen Formen von Stress., innerem Stress und äußerer Stress, die zunehmend mit ungesunden Gewohnheiten kompensiert werden und im Teufelskreis selbstdestruktiv wirken.

Biodynamisch psychologische Sichtweisen und Haltungen lassen sich in therapeutischen, pädagogischen, pflegenden, betreuenden und beratenden Zusammenhängen überaus vorteilhaft einbinden, sobald man sich damit gründlich durch Selbsterfahrung vertraut gemacht hat und es weiterhin für sich selbst kultiviert. Das betrifft jeden, der sich davon angezogen fühlt und wenn der Kontakt in der Zusammenarbeit stimmt. So auch meine vielseitige Erfahrung mit KünstlerInnen (auch mit Handicap), mit Dienstleistern und Lehrenden, mit professionellen „BeziehungsarbeiterInnen“, auch PsychoanalytikerInnen, mit Menschen in Führungspositionen unterschiedlicher Liga und Arbeitsfelder, mit Müttern, Kranken, Tod-Kranken, Familienangehörigen von Tod-Kranken, mit Jugendlichen im Erwachsenwerden und mit Kindern.

Copyright 2022

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(1)

(1) Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Hrg. L. Bayer, K. Krone-Bayer, Reclam, 2016
(2) C.G. Jung, Gesammelte Werke Bd. 8, Patmos, 2011
(3) Richard Wilhelm, C.G.Jung, Das Geheimnis der goldene Blüte, Diederichs, 2005
(4) Michael Gienger, Die Steinheilkunde, Neue Erde, 2008
(5) Buno Müller- Oerlinghausen, Gabriele Mariell Kiebigs, Berührung, Ullstein, 2018

Gerda Boesen, Über den Körper die Seele heilen, Kösel, 1987
Mona Lisa Boyesen, Biodynamik des Lebens, Synthesis, 1987
Ausgaben der jährlichen Fachtagungen, Gesellschaft für Biodynamische Psychologie
Antonin Svoboda und Nicolas Dabelstein, „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?“ , Dokumentarfilm 2009